Brückenbauer

Wenn ich ganz beiläufig erzähle, dass ich nebenbei als Kellnerin arbeite, spüre ich förmlich die fragenden Blicke und honoriere die zögerlichen Nachfragen mit einem kleinen Grinsen. Während ich meiner Führhündin den Kopf kraule, kläre ich mein Gegenüber auf – natürlich in einem Dunkelrestaurant! Aber auch das kann sich ein Sehender nicht vorstellen. Ich glaubte zunächst auch nicht, dass es Spaß macht, Suppe im Dunkeln umherzutragen. Einen gewissen Reiz übte das Angebot, in einem Dunkelrestaurant zu arbeiten, aber schon auf mich aus und so überwand ich meine Skepsis und startete einen Versuch. Das ist mittlerweile drei Jahre her. Seitdem gehöre ich zu dem vierköpfigen Team, das im „Fuchsbau" im thüringischen Schmiedefeld die Gäste bedient. Ungefähr vier Veranstaltungen im Monat übernehme ich. Für mehr ist neben Familie, Arbeit, Hobbys und ehrenamtlicher Tätigkeit kein Raum.

 
Im Bus von Suhl nach Schmiedefeld haben Ado, meine Hündin, und ich längst unseren Stammplatz. Den Weg zum Restaurant findet Ado dann problemlos. Auch Schnee macht ihr nichts aus, davon gibt es in Schmiedefeld mehr als anderswo. Nun darf sich Ado ausruhen und für mich beginnt die Arbeit. Freitags habe ich schon einen Arbeitstag in meinem Job im öffentlichen Dienst hinter mir. Ein Cappuccino hilft mir wieder auf die Beine und ich freue mich auf den Abend.

 
Die Abläufe sind schon lange Routine, aber ich spüre die Spannung als Kribbeln im Bauch. Werden die Gäste heute neugierig sein? Ob sie wieder so laut sind wie vorigen Freitag? In ein paar Minuten geht es los und das Lampenfieber ist wie weggeblasen. Erst noch das Menü besprechen, dann eintauchen in die Dunkelheit. Für mich ist das nichts Besonderes. Aufgrund meiner fortgeschrittenen Erblindung durch Retinitis pigmentosa bin ich mit Situationen ohne visuelle Eindrücke vertraut. Noch ein paar Minuten Ruhe. Zeit, die immer kalten Hände etwas zu wärmen, damit die Gäste nicht erschrecken – ganz ohne Berührungen geht es nicht.
 

Per Kopfhörer erfahre ich, dass die ersten Gäste bereitstehen. In kleinen Gruppen bitte ich sie herein und führe sie immer zu zweit zu ihren Plätzen. Die Gäste halten sich dabei an meiner Schulter oder an der ihres Partners fest und folgen mir die wenigen Schritte. Ich spüre ihre zittrigen Hände und nehme ihre vorsichtig tastenden Schritte wahr. Nach und nach füllt sich der Raum, der maximal 14 Gästen Platz bietet. Schon entwickeln sich Gespräche von Paar zu Paar und Tisch zu Tisch.

 
Ich starte mit ein paar Begrüßungsworten, die mit Scherzen gewürzt sind. Sie gehen mir leicht von den Lippen. So oder so ähnlich habe ich sie schon oft gesagt. Ich frage, wer die weiteste Anreise hatte und gebe einige Hinweise zum Ablauf des Abends. Die Gäste werden allmählich lockerer. Die Getränke stehen bereit und ich beginne zu servieren. Befreites Lachen, wenn die suchende Hand das Glas an der beschriebenen Stelle auf dem Platzdeckchen findet. Plötzlich sind klingende Gläser zu hören und spätestens die Vorspeise lenkt alle von der sie umgebenden Dunkelheit ab. Ich registriere intuitiv die Haltung jedes Gastes und stelle mich darauf ein. Ich nehme meine Umgebung mit allen verbliebenen Sinnen auf.
 

Jeder Abend bietet eine neue Herausforderung – aber eine, der ich mich absolut gewachsen fühle. Wo die Behinderung im täglichen Leben stets Barrieren schafft, ist sie hier wichtigste Einstellungsvoraussetzung. Ich kann etwas Besonderes, erfahre Anerkennung und sogar Bewunderung. Nicht nur das Servieren und Abräumen, auch die Begleitung der Gäste erfordert Fingerspitzengefühl, das jeden Abend individuell dosiert sein will. Spüre ich Interesse an meiner Welt, nehme ich die Gäste ein Stück mit auf meinem Weg. Stellt ein Gast eine Frage, dann hören meist alle zu und so entstehen gute Gespräche, die beide Seiten verbinden. Nicht immer fällt es mir leicht, über das Leben mit schwindenden visuellen Eindrücken zu sprechen. Trotzdem versuche ich, die sensibel gestellten Fragen zu beantworten. Die Auseinandersetzung mit dem Verlust ist auch ein Stückchen Therapie. Ich erkläre, dass ich besonders schöne Bilder tief in meinem Gedächtnis behalten will. Ob das gelingt, weiß ich nicht. Mein Hinweis auf die lieben Menschen an meiner Seite und die zahlreichen Hilfsmittel mindern den emotionalen Tiefgang wieder.

 
Oft wird das Thema „Blindheit" auch gar nicht berührt. Die Gäste genießen einfach ein gutes Menü, zu zweit oder mit Freunden, an einem ausgefallenen Ort und erfreuen sich an ihren Geschmackserlebnissen. Ich bin dann emotional nicht so gefordert und konzentriere mich ganz auf die zahlreichen Wünsche der Gäste. Schwarzbier für den Herrn auf Platz 23, für seine Partnerin einen Bananensaft. Bedienen im Dunkeln ist auch eine Gedächtnisleistung. Die Getränkewünsche gebe ich zwar direkt an eine sehende Kellnerin weiter, aber es fordert dennoch meine grauen Zellen, wenn mehrere Gäste gleichzeitig Getränke nachbestellen. Und beim Abräumen muss ich mir merken, wessen Teller ich schon mitgenommen habe. Obwohl ich nicht absichtlich schleiche, ist für die Gäste kaum wahrnehmbar, wo ich mich gerade befinde. So wundert sich mancher, wenn sein Geschirr plötzlich verschwunden ist, ohne dass er mich gehört hat.
 

Wir sprechen über das Essen und benennen jede einzelne Zutat. Bei der Vorsuppe tippt selten jemand richtig, der Chefkoch ist einfach sehr kreativ. Lob für die Küche gibt es immer, anerkennende Worte für mich auch. Nach dem Dessert serviere ich noch Kaffee in allen Variationen – der Duft erfüllt den ganzen Raum. Jetzt folgt ein kleines Spiel für den Riech- oder Tastsinn, und wer mag, bekommt noch ein Getränk. Die Verabschiedung zeigt mir wieder, dass es allen gefallen hat und dass der Abend eine Brücke gebaut hat zwischen den Menschen. Ado reckt sich verschlafen und führt ihren üblichen Begrüßungstanz auf. Wir machen uns müde, aber zufrieden auf den Heimweg. Bis zum nächsten Mal.

Berit Niedling (41)
ist berufstätig und lebt mit Mann und zwei Töchtern in Suhl.